
Pädiatrie – Saalfelden 2004
Praxistipps vom
Apotheker
Veranwtortung. Die »indirekte Selbstmedikation« bei der Behandlung kranker Kinder funktioniert nur über die Eltern. Vor allem kleine Kinder können ihre Beschwerden oder deren Lokalisation schwer beschreiben. Ein zahnendes Kind weint einfach, die Eltern müssen die geröteten Stellen im Kiefer, den vermehrten Speichelfluss und die erhöhte Körpertemperatur erst bemerken und dann richtig deuten. Noch mehr als bei der Selbstmedikation Erwachsener gilt die Regel: Bei unklaren, besonders heftigen oder besonders lang anhaltenden Beschwerden ist jedenfalls eine ärztliche Untersuchung erforderlich. Hier nun häufig vorkommende pädiatrische Indikationen im Apothekenalltag, frei nach dem Motto: »Kommt eine Mutter/ein Vater mit einem Kind im Wagerl in die Apotheke und sagt: „Geben Sie mir was Gescheites, mein Kind ist krank“.«
Autoren: Mag. pharm. Dr. Gerhard Kobinger, Mag. pharm. Klaus Michler
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Mag. pharm. Dr.
Gerhard Kobinger |
Egal, ob bei Kindern oder Erwachsenen, man sollte bei der Selbstmedikation immer nach einem Grundschema anhand gezielter Fragen die Situation abklären. Die Reihenfolge ist dabei sicher individuell, je genauer man nachfragt, umso sicherer ist man bei der Unterstützung in der Medikationsauswahl.
Wer hat die Beschwerden? Wie alt, wie schwer ist das Kind? Wie lange bestehen die Beschwerden? Gibt es zusätzliche Symptome (Fieber, Durchfall, Erbrechen)? Wie ist der Allgemeinzustand? Isst und trinkt das Kind normal? Sind Allergien oder Unverträglichkeitsreaktionen bekannt? Werden Medikamente regelmäßig eingenommen?
Mit einem derartigen Set an Fragen fällt die Entscheidung, ob man zum Arztbesuch raten muss oder nicht, wesentlich leichter.
Compliance – ein allgemeines Praxisproblem?!
In der Pädiatrie sind, so kann man nicht selten auch in medizinischen Fachbüchern lesen, die Eltern das größere Problem als die Kinder, was die Compliance anlangt. Man braucht nicht bis zu den Impfgegnern zu gehen, schon die regelmäßige, zeitgerechte Einnahme – wie etwa ein 8 Stunden Rhythmus bei der Antibiotika-Therapie – ist oft problematisch. Hier bewährt es sich, die ausführliche Begründung für die Notwendigkeit mitzuliefern und die Dosiermenge an der Dosierspritze zu markieren. Die Demonstration der richtigen Handhabung der Dosiereinheit bzw. nötigenfalls die Mitgabe und Markierung einer Einmalspritze zur exakten Dosierung wirkt wahre Wunder bezüglich der Compliance.
Schwieriger wird es schon bei ungerechtfertigter Kortison-Angst oder genereller »Antibiotika- Müdigkeit«. Hier müssen wir oft wirkliche »Überzeugungsarbeit« leisten, damit die kleinen Patienten nicht Schaden erleiden.
ApothekerInnen sind als Compliance-Förderer und »Gatekeeper« eine unverzichtbare Berufsgruppe im Gesundheitssystem, was gerade bei der praktischen Anwendung von Arzneimitteln für Säuglinge und Kleinkinder deutlich wird. |
Grippaler Infekt
Bevor man zu irgendeinem Arzneimittel greift, sind die Symptome möglichst genau zu eruieren und eine Reihe von Fragen abzuklären: Hat das Kind Fieber? Wie hoch? Wie lange schon? Wie geht es dem Kind? Isst und trinkt es? Welche Symptome sind sonst noch zu erkennen? Ist ein Nasensekret da, und wie sieht das aus? Wimmert das Kind? Hat es Durchfall? Was haben Sie bereits probiert? Bestehen Allergien, Unverträglichkeiten? Dazu kommt noch, dass bei Säuglingen Trinkschwierigkeiten durch die verstopfte Nase und Begleitenteritiden die Symptomatik verschleiern und überlagern können. Bis zu 12 (!) banale Infekte im Jahr gelten bei (Klein-)Kindern als normal oder zumindest nicht auffällig. Dabei sollte man sich vor überhöhtem, unkritischem Antibiotika-Einsatz ebenso hüten wie vor dem Gegenteil, einer Antibiotika-Phobie (der Eltern). Zu den einzelnen Symptomen:
Fieber
Wichtigste Maßnahme (wie auch bei Erwachsenen): den Kindern viel zu trinken geben, man muss die Eltern zu aktivem »Hineinschütten« motivieren. Das Fieber steigt oft binnen einer Stunde auf 40°C und mehr, der Einsatz von Paracetamol/Mefenaminsäure/Ibuprofen (Mexalen/Parkemed/Nureflex) ist ab 38,5°C – je nach Allgemeinbefinden – angezeigt. Wegen der Hepato- und Nephrotoxizität überhöhter Paracetamol-Gaben ist die korrekte Dosierung hier von besonderer Bedeutung: Kinder unter 1 Jahr erhalten 60 mg oral/125 mg rektal, von 1 bis 5 Jahren 60 bis 120 mg oral/250 mg rektal, von 6 bis 12 Jahren 250 mg oral/500 mg rektal bis zu 3 x täglich. In Kalifornien wurden in den letzten Jahren 60 Lebertransplantationen bei Kindern durchgeführt, die hepatotoxisch hohe Paracetamol-Gaben erhalten hatten! Möglichst kein Aspirin für Kinder unter 12 Jahren, insbesondere bei einem Virusinfekt.
Noch mehr als bei der Selbstmedikation Erwachsener gilt die Regel: Bei unklaren, besonders heftigen oder besonders lang anhaltenden Beschwerden ist jedenfalls eine ärztliche Untersuchung erforderlich.
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Fieberkrämpfe
Ein einfacher Fieberkrampf dauert in der Regel weniger als 15 Minuten und tritt nur einmal innerhalb von 24 Stunden
auf. 2 bis 5% aller Kinder erleiden einen Fieberkrampf, von diesen erleiden bis
zu 30% weitere Krampfanfälle. Die wichtigste Vorbeugung ist sicherlich die rechtzeitige Fiebersenkung ab 38,5°C. Nureflex, Parkemed oder Mexalen kommen zum Einsatz. Zur Sicherheit sollten Eltern Stesolid® Rectiolen zuhause haben, wobei bereits ab 15 kg KG die 10mg Stärke angewendet wird.
Schnupfen
Kochsalz- und Meersalzlösungen kann man ab der Geburt als Tropfen geben. Das ist zwar unhygienischer, bei Kleinkindern aber leichter zu handhaben als Sprays. Inhalationen und Brusteinreibungen für Kinder unter 2 Jahren sollten menthol- und kampferfrei sein und nicht im Gesicht aufgetragen werden, um Reizungen und Krampfhusten zu vermeiden. Die Wirkung von Brustbalsam wird kontroversiell diskutiert („...hilft eh nur der Mutter...“). Abschwellende Nasentropfen wie Vibrocil können schon ab der 2. Lebenswoche, eventuell 1:1 mit Kochsalzlösung verdünnt, gegeben werden (1 Tropfen pro Nasenöffnung 3 bis 4 x täglich für maximal 1 Woche), Gel und Spray sind nicht für Kinder unter 6 Jahren geeignet. Zu beachten ist die kurze Wirkdauer von nur 3 bis 4 Stunden. Nasivin für Kleinkinder kann ab dem vollendeten 1. Lebensjahr eingesetzt werden und wirkt 6 bis 12 Stunden. Achtung vor Überdosierung wegen zentraler Nebenwirkungen und vor zu langer Anwendung wegen der bekannten Schleimhautschäden. Jedes verschnupfte Familienmitglied muss aus hygienischen Gründen sein eigenes, beschriftetes Nasentropfen-Fläschchen verwenden!
Husten
Leichter, kurz dauernder Husten wird wie bei Erwachsenen in angepasster Dosierung mit Thymiansirup, Prospan Sirup, Pilka Tr., Silomat Saft bzw. Spitzwegerichsaft, Primelextrakt, Aeromuc 100, Tussamag, Tussimont aut simile therapiert, je nachdem, ob es sich um einen trockenen, bellenden Reizhusten oder einen rasselnden, verschleimten Husten handelt. Auch hier gilt es wiederum viel zu trinken, bevorzugt Husten- und Bronchialtees. Symptome, die auf einen Krampfhusten oder Pseudokrupp-Anfälle deuten, ebenso Giemen, pfeifende Atemgeräusche und hohes Fieber erfordern jedenfalls einen Arztbesuch.
Halsschmerzen
Es gelten dieselben Alarmzeichen wie bei Erwachsenen, nur dass Kinder diese Symptome nicht so zweifelsfrei beschreiben können: akut einsetzendes Rachenbrennen, ins Ohr ausstrahlende Halsschmerzen, heftiger Kopfschmerz als Begleiter der Halsschmerzen, hohes Fieber, süßlich-fauliger Mundgeruch, regionale Lymphknotenschwellung, kloßige Sprache. Bei Vorliegen auch nur eines dieser Symptome muss das Kind sofort zum Arzt, es besteht Verdacht auf eine Streptokokken-Angina, eine Epiglottitis oder ein Peritonsillarabszess. Für eine virale Ätiologie und daher antibiotikafreie Therapie spricht von der Symptomatik her eine Pharyngitis bei Säuglingen und Kleinkindern, begleitet von Husten, Heiserkeit, Konjunktivitis, seröser Rhinitis, Muskelschmerzen bei normalen bis subfebrilen Temperaturen. Gurgellösungen und Lutschtabletten sind für Kinder unter 3 Jahren kaum geeignet, Rachendesinfektionssprays können verwendet werden, ebenso Lutschtabletten für Kinder über 3, wobei man vom Geschmack her natürlich nicht gerade die schärfsten wie z.B. Neo angin empfehlen sollte. Gut desinfizierend, wenngleich nicht angenehm in der Anwendung sind Collargol-Lösungen, bis zum Ende des 1. Lebensjahres zu 0,5%, von 1 bis 6 Jahren mit 1%, darüber 2%ig.
Ohrenschmerzen
Eine infektbedingte Schwellung oder Dysfunktion der Tuba Eustachii führt zu Unterdruck im Mittelohr mit begleitender Ventilationsstörung. Daraus resultieren meist starke Ohrenschmerzen. Man sollte aber mitleidenden Müttern dringend von einer Selbstmedikation, sei es mit analgetischen Ohrentropfen oder anderem, abraten und ebenso dringend einen Arztbesuch empfehlen. Es kann dahinter stecken:
akuter Tubenkatarrh mit meist geringer, unspezifischer Symptomatik wie »verstopftes Ohr«, dumpfes Ohrensausen und leichte Schmerzen. Die Therapie zielt auf Analgesie, auf Abschwellung der entzündeten Tube durch vasokonstriktorische Nasentropfen und ev. die Beseitigung akuter Nasen-Racheninfekte (Lutschtabletten, Gurgellösungen, Collargol-Lösung bis hin zum Antibiotikum).
Otitis externa, also eine Gehörgangsentzündung, die oft nach Manipulationen im Gehörgang entsteht (Reinigungsversuche mit Finger oder Wattestäbchen bzw. nach dem Baden). Charakteristisch dafür ist der Tragusdruckschmerz (Druck auf das – beim Kleinkind noch unverknöcherte – äußere Ende des Gehörganges, der Druck setzt sich bis zum Mittelohr fort; findet sich auch bei einer Otitis media), Schmerzverstärkung bei Zug an der Ohrmuschel. Die Therapie besteht in der Spülung oder instrumentellen Reinigung des Gehörganges sowie der Applikation von Antibiotika und Cortisonen in Form von Ohrentropfen oder Gehörgangsstreifen.
Otitis media, an der nach einer Studie bei einem Drittel nur Viren, bei einem weiteren Drittel nur Bakterien und beim Rest Bakterien und Viren als Auslöser beobachtet werden. Die Hauptsymptome der Mittelohrentzündung sind heftige, pochende Schmerzen, Tragusdruckschmerz, pulsierender Tinnitus, Fieber, Schwerhörigkeit, manchmal Schwindel, gerötetes Trommelfell, ev. Otorrhoe. Eine seröse Otitis media wird üblicherweise nicht antibiotisch behandelt, bei einer eitrigen Otitis media wird jedenfalls für 7 bis 10 Tage mit Makroliden, Aminopenicillinen mit oder ohne Beta-Laktamase-Hemmer oder mit Cephalosporinen oral antibiotisiert. Zusätzlich sollten begleitende Nasen-Racheninfekte wie schon beim Tubenkatarrh beschrieben saniert werden, abschwellende Nasentropfen und Analgetika gegeben werden. Lokalanästhetische oder andere Ohrentropfen sind bei einer Mittelohrentzündung auch nach erfolgter Diagnose kontraindiziert.
Aus diesen Ausführungen ergibt sich, dass sich Ohrenschmerzen denkbar schlecht für die Selbstmedikation eignen. Wenn lapidar Ohrentropfen verlangt werden, kann bei leichten Schmerzen und ohne Fieber noch die kurzfristige Gabe abschwellender Nasentropfen, ev. von Collargol und einer leichten Schmerztablette vertretbar erscheinen. Starke Schmerzen, Fieber, Ausfluss aus dem Ohr oder auch nur die tagelange Dauer leichterer Beschwerden sollten unbedingt ärztlich abgeklärt werden, da es sonst zur Chronifizierung der Erkrankung, Hörverlust, Ausbreitung der Infektion in Kopfhöhlen (Meningitis, Hirnabszess etc.) und anderen schwerwiegenden Komplikationen kommen kann.
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Mag. pharm.
Klaus Michler |
Soor
Soor stellt eine Candida-Mykose dar, die besonders bei Säuglingen anzutreffen ist. Man findet entsprechend der volkstümlichen Bezeichnung »Mehlmund« weiße, mehr oder weniger schwer abwischbare Beläge auf Wangenschleimhaut und Zunge, seltener am Zahnfleisch und Gaumen. Entfernt man die Belege mechanisch, bleiben flache Erosionen mit entzündlichem Randsaum übrig. Die Therapie erfolgt im Säuglingsalter mit Nystatin (Mycostatin Suspension) 6 x täglich 1 ML oder Miconazol (Daktarin orales Gel) 4 x tägl. ein Viertel ML, am besten auf den Schnuller geben, damit das Baby den Wirkstoff möglichst lange im Mund behält. Da diese Pilzinfektion oft durch den ganzen Verdauungstrakt durchgeht, ist dann auch im Windelbereich mit entsprechend befallenen Hautarealen zu rechnen. Dort wird, eventuell nach einem Eichenrinden-Sitzbad, mit den üblichen Triazol-Antimykotika behandelt. Die Eltern sollten häufig die Windeln wechseln, für Belüftung sorgen, ev. nach der Reinigung das Gesäß kühl trocken fönen. Wichtig: lange genug therapieren, da sonst Rezidive auftreten.
Windeldermatitis
Bedingt durch die noch sehr dünne Haut und das zudem
noch mazerierende
feuchtwarme Klima in der Windelzone kommt es durch Harn, Stuhl und die damit einhergehenden Keime leicht
zu Reizungen und Entzündungen. Auch in diesem Fall hat sich ein Eichenrinden-Sitzbad bewährt, dazu häufig Windeln wechseln, für Belüftung sorgen, nach der Reinigung kühl trocken fönen und eine fette Heilsalbe wie Bepanthen, Kamillosan oder Hametum auftragen. Das zusätzliche Abdecken mit einer Lebertran-Zink-Paste (Desitin, Mirfulan) oder einer Lasepton Salbe wird in letzter Zeit von Pädiatern abgelehnt, da dies das gereizte Gewebe noch weiter mazeriert und somit die Abheilung verzögert. Wenn damit keine Besserung eintritt, Parfenac Salbe anwenden, oder der Kinderarzt befindet gar die Anwendung von Diproderm oder Diprogenta für notwendig.
Bei einer Windeldermatitis sollte man aber immer auch an die oben beschriebene Möglichkeit denken, dass ein Hefepilzbefall und somit Soor vorliegt.
Wurmerkrankungen
Achtung vor Eltern/Großeltern, die sagen, das Kind sei so unruhig, vermutlich habe es Würmer. Die Würmer müssen im Stuhl zu sehen gewesen sein (klein reisartig bis fadenförmig). Maden-, Spul-, Haken- und Fadenwürmer stellen die Hauptverursacher dar. Anthelmintika wirken im Magen-Darm-Trakt über neuromuskuläre Blockade bzw. spastische Lähmung der Wurmmuskulatur, über Hemmung der parasitären Nahrungsaufnahme oder über Energieverarmung der Würmer. In Frage kommen je nach Befall:
Combantrin (Pyrantel): Tabletten und Suspension je nach Alter bzw. Körpergewicht, Einmalgabe, wirkt gegen alle erwähnten Wurmarten
Molevac (Pyrivin): Tabletten und Suspension je nach Alter bzw. Körpergewicht, Einmalgabe, v.a. gegen Madenwürmer, färbt den Stuhl rot, Eltern und Kind darauf hinweisen.
Pantelmin (Mebendazol): Tabletten, führt zur Degeneration und Nekrotisierung des Parasitengewebes. Breitbandanthelmintikum, Dosierung je nach Wurmart, Kinder unter 5 Jahren erhalten die halbe Erwachsenendosis.
Dr. Kobinger
Durchfall
Bei akuten Durchfallerkrankungen ist die Gefahr der Dehydratation indirekt proportional zum Alter des Kindes oder anders gesagt: je kleiner das Kind, desto wichtiger ist eine rechtzeitige und ausreichende Versorgung mit Flüssigkeit, Glucose und Elektrolyten. Tritt gleichzeitig hohes Fieber auf, sollte auf jeden Fall zur Sicherheit ein Arztbesuch empfohlen werden. Entscheidend ist natürlich auch, wie lange der Zustand bereits besteht, und ob das Kind zusätzlich auch erbricht. Oft ist ein Durchfall nur die Begleiterscheinung einer anderen Erkrankung, auch dies sollte in Betracht gezogen werden. Behandelt wird mit Normolyt®, Antibiophilus®, Bioflorin® – Kapseln öffnen!
Obstipation
Verstopfung ist oft nur ein subjektives Gefühl der Eltern. Unsere Empfehlung ist hier sehr individuell auf die Situation und das Verständnis der Eltern abgestimmt: Lecicarbon® Supp. oder Microklist® auf der einen, Bifiteral® auf der anderen Seite. Nicht zu vergessen die homöopathischen Arzneien wie Aluminia, Nux vomica oder Magnesium muriaticum, die, unter Berücksichtigung des jeweiligen Arzneimittelbildes, einen Versuch wert sind.
Erbrechen
Für die Entscheidung zur Selbstmedikation sind hier unbedingt noch zusätzliche Fragen nach Sonnenexposition, Vergiftung usw. notwendig. Wesentlich erscheint der Hinweis, von einer Metocolopramid-Gabe abzusehen, da v.a. Kleinkinder zu Krampfanfällen als UAW neigen. Motilium® als »letzter Ausweg« (Notfall) will sehr gut überlegt sein. Homöopathisch bieten sich Nux vomica oder Pulsatilla – gut nach der Kinderparty, bei Diätfehlern – an.
Blähungen
Säuglingskoliken sind allen Eltern ein Begriff. Bei der Behandlung sind die mehr oder weniger bewährten SAB® Tropfen und Fructus Foeniculi für Mutter und Kind anerkannter Standard. Unguentum aromaticum und Chamomilla Globuli runden die Palette der Empfehlungen ab. Ein Tipp, der manchmal auch erfolgreich ist: Den Säugling in Bauchlage auf den Unterarm nehmen (Kopf beim Ellenbogen – »Flugzeug-Stellung«) und leicht den Rücken massieren.
Zahnungsbeschwerden
Bei Zahnungsbeschwerden steht die Lokalbehandlung in Form von diversen Gels oder Lösungen (Dentinox®, Osa®, Mundisal®) im Vordergrund. nicht vergessen sollte man allerdings die homöopathische innerliche Behandlung mit Osanit® oder Chamomilla Globuli, aber auch Viburcol® Supp. sind oftmals hilfreich.
Kopfschmerzen
Kopfschmerzen sollten prinzipiell immer abgeklärt werden! Kindliche Migräne ist zwar selten, aber möglich (vgl. Mutter). In der Therapie kommen Ibuprofen oder Paracetamol zum Einsatz. Begleitendes Erbrechen wird vom Arzt eventuell mit Vertirosan® Supp. behandelt. Vorsicht ist bei der Anwendung von Aetheroleum menthae zum Einreiben der Schläfen empfohlen. Für Kleinkinder unter 7 Jahren sollte dieses Hausmittel eher nicht zur Anwendung kommen.
Pseudokrupp
Diese Anfälle von Atemnot treten meist in Zusammenhang mit viralen aber auch bakteriellen (Mycoplasma pneumonie) Infekten mit leichtem Fieber und bellendem Husten auf. Pseudokruppanfälle kommen häufig abends oder nachts und sind oft rezidivierend. Charakteristisch ist der so genannte inspiratorische Stridor, ein pfeifendes Geräusch beim Einatmen, unter Umständen werden die Kinder zyanotisch, was das Erscheinungsbild erheblich dramatisiert. Der erste Anfall gehört jedenfalls immer in ärztliche Behandlung, danach haben die Eltern oft Rectopred® Supp. zu Hause und geben diese unter Umständen schon prophylaktisch. Wichtige Tipps, die wir Apotheker können: Für ein kühles (< 20°C), feuchtes (Luftbefeuchter) Raumklima sorgen. Beim Anfall in die Kälte gehen, bei Schnupfen die Nasenatmung mit entsprechenden Medikamenten erleichtern. Homöopathie: hier empfiehlt Wiesenauer Spongia D4 Globuli (3-0-3) und Hepar sulf. D4 Tbl. (1-0-1) als Prophylaxe. Asthma
Hier ist die therapiebegleitende Beratung der Eltern die wichtigste Aufgabe im Sinne von Pharmaceutical Care. Wesentlich für die Compliance ist das Grundverständnis für die notwendige antiinflammatorische Basismedikation mit Glukokortikoiden und der bedarfsorientierte Einsatz von b2-Mimetika. Leukotrienantagonisten abends verabreichen, die Inhalationslösungen müssen isoton sein, Mundausspülen nach Kortison nicht vergessen, die Reihenfolge bei Mehrfachinhalation (erst b2-Mimetika) beachten, oder die praktische Durchführung einer regelmäßigen Reinigung der Inhalationshilfen – all das sind Tipps, die von ApothekerInnen zurecht erwartet werden. Was oft weniger gern gehört wird, aber auch extrem wichtig ist: absolutes Rauchverbot für Angehörige und Allergenkarenz bei Tierhaarallergie.
Allergien
Allergien müssen unbedingt ärztlich abgeklärt werden, da oft mehrere Auslöser in Frage kommen. Zum Einsatz kommen systemische H1-Antihistaminika oder lokale Mastzellstabilisatoren. Rezeptfrei sind mittlerweile diverse Cetirizin- oder Loratadin-Zubereitungen, die wenigsten sind jedoch für Kleinkinder geeignet. Für die Behandlung der allergischen Konjunktivitis haben wir im rezeptfreien Bereich nur homöopathische Augentropfen zur Verfügung.
Allergische Hautreaktionen
Für die topische Anwendung stehen diverse antihistaminikahältige Externa zur Auswahl. In Kombination mit diesen könnte eine orale Therapie in Erwägung gezogen werden, wobei hier die forensischen Gesichtspunkte nicht außer acht gelassen werden sollten. Dexpanthenol in Lösung eignet sich v.a. dann, wenn zusätzlich eine Entzündung vorhanden ist. Allergietest, Allergenkarenz und Umgebungssanierung sind hier besonders zu empfehlen.

Pediculosis Capitis
Für Ihre tägliche Praxis haben wir eine Auswahl der Anwendungsempfehlungen zusammengestellt:
Apar®: Therapie: 2 x waschen, 2. mal 5-10min (Tag 1, 2, 8);
Vorbeugung – jeden 3. Tag;
Carylderm®: Einwirkzeit 5 Minuten (Tag 1,3,8) ab 6 Monaten, nicht in SST
Prioderm®: Anw. wie Carylderm, und SST möglich.
S.Calon®: Einwirkzeit 15 min, zur Prophylaxe nur 5 Minuten (Tag 1, 5–7)
Dankbar sind Eltern auch für ganz allgemeine Hinweise:
Kontaktpersonen mitbehandeln
l zum Spülen: Essigwasser 1:1-5, oder Kräuterkonditioner;
Nissenkamm aus Metall geht besser;
Alternativvorbeugung: Weidenteer Shampoo (Rausch)
unterschiedliche Wirkstoffe nicht innerhalb einer Woche verwenden. (WW, UAW)
nicht Waschbares 48 Stunden bei –18 Grad in die Tiefkühltruhe, auch für Milben geeignet! Wer es nicht so eilig hat: 2 Wochen luftdicht in Plastik. |
Neurodermitis
Gerade das atopische Ekzem ist »sagenumwoben«. Leider kursieren auch in medizinisch-professionellen Kreisen oft hartnäckige Gerüchte. Beweise für »spezielle« Therapien stehen oft aus, unversucht lassen die Eltern aufgrund des hohen Leidensdruckes andererseits fast nichts.
Umso wichtiger erscheint es in diesem Zusammenhang, auf gesicherte Therapieoptionen zurückzugreifen. Ein wesentlicher Faktor neben der Therapie mit Immunmodulatoren oder Glukokortikoiden, nicht im Gesicht! ist die konsequente Hautpflege: seifenfreie Reinigung, Hautfettung mit fetten Pflegesalben oder Ölen (duftstofffrei) und der Einsatz von Carbamidum in 5 bis 10% Konzentration auf Lipocreme-Basis. Sollte ein Allergen als Sensibilisierungsfaktor hinzukommen bleibt die Allergenkarenz eine Zusatzempfehlung.
Bei der Anwendung der neuen Immunmodulatoren ist der zeitliche Abstand der rückfettenden Pflege von mindestens 2 Stunden zu beachten. Impfungen sollte eventuell ein behandlungsfreies Intervall vorangehen, und bei Elidel® ist der 12 Wochen-Verwendungszeitraum nach Anbruch eine wesentliche Tara-Information, die wir geben sollten.
Pediculosis Capitis
Die kleinen »Freunde«, die allen Eltern meist nach den Ferien das Leben schwer machen, sind oft recht hartnäckig. Die breite Palette der Behandlungsmöglichkeiten und Anwendungsvarianten macht eine genauere Differenzierung unumgänglich. Jacutin® ist als rezeptpflichtiges antiparasitäres Medikament nicht nur zur Lausbekämpfung im Einsatz. Wichtig: Bei Kindern unter 3 Jahren ist es kontraindiziert, einmassieren ins zuvor gewaschene, feuchte Haar. Bei Kindern beträgt die Einwirkzeit lediglich 3 Stunden, und das Auswaschen erfolgt nur mit lauwarmem Wasser! Keine Seife, kein Fönen wegen der verstärkten Inhalation von Lindan, was zu Unruhe und Erbrechen führen kann.
Rezeptfrei gibt es diverse Shampoos und einen Spray (Apar®), der auch für nicht waschbare Textilien wie Autositze oder manche Stofftiere geeignet ist. Unterschiedliche Einwirkzeiten oder die Möglichkeit der Resistenzbildung sind unbedingt im Beratungsgespräch zu erwähnen.
Mit den höheren Temperaturen kommen eine Reihe von Indikationen für die Selbstmedikation hinzu:
Insektenstiche
Vor allem für Kinder wäre die Expositionsprophylaxe mit Moskitonetz oder Mückengitter vor dem Fenster das beste.
In der Apotheke gibt es für Kinder ab 1 Jahr diverse Repellents zur Vorbeugung.
Wenn die Mücke bereits gestochen hat, stehen Kälteeinwirkung, lokalanästhetische oder antihistaminikahältige Externa, aber auch juckreizstillende Interna zur Disposition. Bei stark entzündeten »Gelsendippeln« oder dunklen Verfärbungen des Hofes raten wir im Zweifelsfall zum Arztbesuch.
Homöopathisch behandelt man mit Apis, Ledum, aber auch mit Combudoron® oder Similasan® innerlich oder äußerlich.
Sonnenbrand
Gerade hier kommt unserer »prophylaktischen Beratung« bei der Auswahl des geeigneten Sonnenschutzes für die Kleinen eine enorme Bedeutung zu. Trotz permanenter Hinweise auch in der Laienpresse halten sich auch Kleinkinder ungeschützt in der Sonne auf. Säuglinge und Kleinkinder müssen vor direkter Sonnenbestrahlung geschützt werden! Der Hinweis, mit Kindern erst nach 16 Uhr in die Sonne zu gehen, gehört neben jener Empfehlung, auf einen ausreichend hohen Lichtschutzfaktor bei der Sonnenmilch zu achten, genauso zur Standardberatung, wie die obligatorische Aufforderung, die Kinder mit einer geeigneten Kopfbedeckung (Nackenschutz) vor allzu intensiver Sonneneinstrahlung zu schützen.
Hat das alles nichts gefruchtet, sollte vor einer Empfehlung zur Selbstmedikation unbedingt das Ausmaß der Verbrennung beurteilt werden. Je großflächiger und intensiver die Rötung und je kleiner das Kind, umso eher empfehlen wir die ärztliche Begutachtung und Beurteilung.
Zur Anwendung kommen sämtliche kühlende Externa, dexpanthenolhältige Lösungen oder Sprays, gegen den Juckreiz Antihistaminika oder Thesit lokal, und zur Schmerztherapie eignet sich Ibuprofen besser, aufgrund seiner antiphlogistischen Wirkkomponente. Die Wichtigkeit einer effizienten Kühlung und der Hinweis auf Vermeidung einer erneuten Exposition muss im Gespräch unbedingt erwähnt werden. Homöopathische Behandlungsalternativen reichen von Similasan® Sonnenbrand Spray über Combudoron® Gel, Belladonna oder Lytta bis hin zu Umschlägen mit gekühlten Echinacea Urtinktur/Wasser- Mischungen im Verhältnis 1:10, u.a.
Reisekrankheit
Die Urlaubsreise muss vor allem mit Kleinkindern nicht selten unterbrochen werden. Wie das unliebsame »Foodback« verhindert werden kann, ist zu Beginn der Urlaubssaison nicht selten Thema eines Beratungsgesprächs.
Neben bewährten Mitteln wie Travelgum® oder Vertirosan® (Rp.) kommen Homöopathika und Phytotherapeutika zum Einsatz: Zintona®, Vertigoheel®, Nausyn®, Cocculus oder Tabaccum als Globuli.
Auch hier sind oft die Zusatztipps extrem hilfreich:
mind. 1 Stunde vor Reiseantritt oder
Weiterfahren die Medikamente geben,
nach vorne und in die Ferne sehen,
gut lüften, nicht rauchen,
kein zu leerer/zu voller Magen,
häufigere Pausen,
nicht lesen lassen,
für Ablenkung sorgen (singen,
Geschichten erzählen)
Augenentzündung
Kinder mit Augenentzündungen gehören zum Arzt, weil durch bloße Betrachtung nur höchst selten ein Rückschluss auf die Genese (bakteriell, viral) möglich ist. Manche Augenärzte sehen eine »Ausnahme« bei der erneuten Behandlung eines Gerstenkorns mit einer Gentamycin-hältigen Salbe.
Rezeptfreie Behandlungsmöglichkeiten bei Augenentzündung sind Chamomilla® Augenspülung oder diverse Euphrasia-Augentropfen verschiedener Hersteller.
Mag. Michler
Anschrift der Verfasser:
Mag. pharm. Dr. Gerhard Kobinger,
St. Franziskus-Apotheke, 8010 Graz
Mag. pharm. Klaus Michler,
Martin Apotheke und Drogerie
Dr. Michler KG, 6911 Lochau
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